Text me when you get home – oder der Beitrag, in dem ich keine Angst mehr will

Text me when you get home xx

Ich habe diesen Text schon vor vielen Wochen angefangen zu schreiben, musste aber immer wieder stocken, weil ich oft nicht die richtigen Worte dafür gefunden habe, wie es mir in Bezug auf das Thema geht und was ich eigentlich sagen möchte. Ich weiß ehrlich gesagt auch immer noch nicht, ob es mir gelungen ist, aber mir war es wichtig, es zumindest zu versuchen.

Nicht vergessen

Am Abend des 3. März 2021 befindet sich Sarah Everard in London auf dem Weg von einer Freundin nachhause. Dort kommt sie allerdings nie an. Denn Sarah wurde umgebracht. Tage später findet man ihre Leiche. Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um einen Polizisten.

Kurz darauf postet die britische Influencerin Lucy Mountain in ihrem Feed einen Ausschnitt aus einem WhatsApp-Chat. „Text me when you get home xx“ schreiben die Lettern.

Das Bild geht viral. Es wird tausendfach geteilt, geliket und kommentiert. In der Bildbeschreibung erläutert Lucy die Hintergründe des Bildes, das in Anlehnung an den Mord von Sarah Teil einer medialen Debatte über die Sicherheit von Frauen wird. Zumindest in Großbritannien. In Deutschland fallen die Reaktionen verhaltener aus, aber auch hier findet das Thema Einzug in den öffentlichen Diskurs.

Auch in meinem Feed taucht das Bild auf. Und auch ohne über die entsprechenden Hintergründe informiert zu sein, fühle ich mich von dem Bild auf seltsame Weise sofort angesprochen. Beim Lesen der Bildbeschreibung, die den täglichen Umgang von Frauen mit der Unsicherheit im öffentlichen Leben beschreibt, schießen mir tausende Gedanken durch den Kopf. Beinahe jeden Satz untermalt mein Gehirn mit szenenhaften Erinnerungen, die es aus den Untiefen meines Kopfes kramt.

Unsicherheit als Normalzustand

„Text me when you get home“. Dieser Satz ist keine Metapher. Dieser Satz ist kein Sinnbild. Dieser Satz ist bittere Realität. Dieser Satz ist Alltag. Dieser Satz gehört in meiner sowie in der Lebenswelt vieler anderer Frauen zum guten Ton – so wie „Tschüss“ oder „Hallo“. Er ist Teil unseres Alltagsvokabulars. Er ist Normalität. Die Sorge, dass mir, einer meiner Freundinnen oder irgendeiner anderen Frau etwas auf dem Heimweg passieren könnte, ist unser ständiger Begleiter – mag sie auch noch so latent, noch so unscheinbar oder noch so scheinbar unbegründet sein.

„Passieren“ bedeutet nicht, dass es wie im Fall von Sarah zu einem tatsächlichen tätlichen Angriff kommt. „Passieren“ umfasst schon das Gefühl von Unsicherheit und Unbehagen – nachts (oder auch tagsüber) auf der Straße, in der Bahn, im Park oder im Taxi. Das Gefühl über-vorsichtig sein und sich anpassen zu müssen; keine Kontrolle über die Situation zu haben. Das Gefühl im Fall der Fälle immer den Kürzeren zu ziehen.

Und trotz all der Vorsicht, trotz all der Mechanismen, die wir uns antrainiert haben, uns so sicher wie möglich durch unsere Umwelt zu bewegen und die uns so natürlich vorkommen wie unserer Atem, ist allein in Deutschland fast jede zweite Frau schon mal konkret sexuell belästigt oder bedrängt worden.

Das, was mich an dieser Debatte am meisten fasziniert, erstaunt und zugleich auch erschüttert hat, ist aber nicht diese grausame Lebensrealität, sondern wie normal dieser Zustand mir bislang immer vorkam. Wie normal es für mich war, Rückwege nach ihrem Standort genau und sorgfältig zu planen, darüber nachzudenken, ob ich zu Fuß gehen könnte oder doch lieber das Fahrrad nehme, ob ich an einer viel befahren Hauptstraße oder durch einen dunklen Park gehen sollte. Wie normal es war, Telefonate zu faken, wenn mir irgendeine Gestalt auf dem Fußweg zu nahe kam oder wenn ich nachts alleine in der S-Bahn saß. Wie normal für mich die Möglichkeit erschien, dass trotz aller Vorsicht doch immer etwas passieren kann.

Die Beschäftigung mit dem Thema hat mir verdeutlich, dass es nicht normal ist. Nicht normal sein sollte. Es ist Teil einer für uns zur Normalität gewordenen Sozialisation, die Frauen beibringt, dass sie als „schwächeres Geschlecht“ in der Öffentlichkeit auf sich Acht zu geben haben. Dass wir dringend darüber reden müssen, zeigt uns nicht erst der tragische Fall von Sarah. Trotzdem hat es ihn und die darauffolgende Debatte gebraucht, um mir die Absurdidät dieses Missstands vor Augen zu führen.

Und jetzt? Ist es schon wieder unheimlich still. CDU-Affären, die Bundestagswahl, Corona oder die Querdenker-Demos haben das Thema wieder aus den Mainstream-Medien verdrängt. Wie viele Sarahs braucht es, damit sich endlich etwas an der Lebensrealität von Frauen verändert?

We won’t forget.

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