Instagram – oder der Beitrag, in dem ich keine Komplexe mehr will

Ach, Instagram, du heiligstes aller sozialen Medien. Wie wahrscheinlich viele Nutzer verbindet mich und das bonbonfarbene Kamera-Logo in meinen Handyapps eine richtige Hassliebe. Nur einen Klick entfernt verwandelt sich die Plattform in einen treuen Retter, der mir in der Not jede noch so kleine Lücke im Alltag mit Inhalt füllt, der meine Gedanken in seine perfekt aufeinander abgestimmten Bildergalerien entführt und mich davor bewahrt, ihnen allzu oft alleine ausgesetzt zu sein. Oft belustigt mich Instagram. Dann lache ich über ein Meme oder die Story, die ein Comedian gerade gepostet hat. Wenn es richtig gut läuft, dann werde ich sogar informiert. Zum Beispiel darüber, welche Corona-Maßnahmen die Bundesregierung gerade wieder für uns ausgeheckt hat oder wie es auf Mallorca im Beach Resort aussieht, wo die eine ehemalige Mitschülerin trotz einer weltweiten Pandemie gerade ihr Weihnachten verbringt.

Im Großen und Ganzen aber bereitet mir Instagram Bauchschmerzen, weil es mir viel zu oft das Gefühl gibt, nicht gut genug zu sein. Egal, wo man hinguckt, trifft man auf professionelle Influencer oder engagiert Hobby-Fotografen. In die farblich perfekt aufeinander abgestimmten Feeds reihen sich Bilder von endlos langen Beinen, weiß-gebleachten Zähnen, riesig-großen Brüsten und Hintern, perfekt gestylten, fachmännisch gefärbten Lockenmähnen, tief-schwarzen Wimpern, Thigh-Gaps, Six Packs und unnatürlich schmal wirkenden Sanduhr-Taillen.

Während mir solche Schönheitsideale in einer kaum mehr vorstellbaren Zeit vor den sozialen Medien noch vergleichsweise schüchtern aus dem Fernsehen oder von der Litfaßsäule neben dem Einkaufszentrum zugezwinkert haben, tanzen sie mir jetzt bei jedem Scroll durch die bunt-glitzernde Instagram-Welt hartnäckig und in scheinbar mutierter Form mit einem nervigen Tik-Tok-Sound unterlegt vor der Nase herum.

Und wenn ich dann genervt das Handy in die Sofaecke werfe und resigniert auf den Boden schaue, ertappe ich mich dabei, wie ich mich selbst nicht mehr gut genug finde, wie ich darüber nachdenke, doch mal eine Diät anzufangen oder doch ein paar Euro in das neue Bleaching-Kit von SecretSmile zu investieren. Dann ärgere ich mich darüber, dass ich das Pamela Reif-Workout nach fünf Minuten abgebrochen habe, weil ich diese scheinbar schweißdrüsenfreie, für Sport viel zu gut gekleidete und permanent lächelnde Frau nicht mehr ausgehalten habe. Gut, vielleicht auch, weil mich die Deklarierung des Videos als „Beginner Workout“ persönlich angegriffen hat. Ich bin dann von mir selbst genervt. Von meiner fehlenden Disziplin, meiner unreinen Haut oder den manchmal viel zu fisseligen Haaren. Wenn es dann richtig gut läuft, rutsche ich auf meiner regenbogenfarbenen Instagram-Gedankenabwärtsspirale bis zu dem Punkt, an dem ich ernsthaft anfange, zu glaube, dass das Leben vielleicht ein besseres, schöneres oder sorgenfreieres wär, wenn mein Äußeres zu Hundertprozent einem normierten Schönheitsideal entspräche.

Auf diese Phase, in der ich mich dann gedanklich schon im grellweiß gestrichenen Wartezimmer des BeautyDocs sitzen sehe, folgt dann oft ein Gefühl von ungestümer Wut. Wut darüber, dass ich einer virtuellen Fotoplattform die Macht erteile, über mein eigenes Selbstwertgefühl zu herrschen. Mal mehr oder mal weniger tief in mir drin vergraben weiß ich nämlich sehr wohl, dass ich genug bin und dass ich weder ein Six Pack brauche, noch dass meine Haare morgens nach dem Aufstehen so aussehen müssen, als hätten mir zehn Stylisten die ganze Nacht Lockenwickler in die Haare gedreht. Ich weiß, dass weder meine Familie noch meine Freunde mich darüber definieren, ob ich manikürte Fingernägel habe oder nicht. Und ich weiß, dass sich weder mein Lebensglück noch mein Erfolg darüber entscheidet, ob ich aussehe wie Kyle Jenner oder eine ihrer Schwestern – zumindest solange ich weiterhin nicht vorhabe, eine Laufbahn einzuschlagen, in der Äußerlichkeiten das Maß aller Dinge sind. Und doch bringt mich Instagram immer wieder an den Punkt, an dem ich trübe vor meiner Regenbogenspirale stehe und mir bei einem schlecht gelaunten Verkäufer im Tickethäuschen noch einen weiteren Fahrschein hole.

Die naheliegendste Lösung wäre natürlich, Instagram einfach zu löschen oder doch zumindest alle jene Menschen, deren Präsenz für meinen Selbstwert scheinbar toxisch ist, geflissentlich zu umgehen. Tatsächlich gefällt mir Option B. besser als Option A. Auch wenn mich die schillernde Plastikwelt oft sehr unglücklich macht, würde es mir doch ziemlich schwerfallen, mich von den vielen lustigen Memes oder den Storys meiner Freunde zu trennen. Dass Option A die mit Sicherheit effizientere Lösung wäre, will ich nicht bestreiten. Option B. muss ich in diesem Zuge dann als illusorisch einstufen, denn Instagram ist nun mal alles. Instagram ist Vernetzung, Diversität, Memes, Politik, Freunde und Schönheitsideal. Selbst wenn ich versuchen würde, alle jene Inhalte, die meine Selbstzweifel schelmisch aus ihrer Ecke locken, in die ich sie maßregelnd verbannt habe, zu umgehen, würde ich immer wieder auf sie stoßen. Schönheit ist ein Teil von Instagram. Vielleicht der schillerndste, lauteste und der, vor dem wir uns am meisten schützen müssen.

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