Zukunftsangst – oder der Beitrag, in dem ich keine Ahnung habe, was ich mal werden soll

„Und du wirst 21, 22, 23 und du kannst noch gar nicht wissen, was du willst. Und du wirst 24, 25, 26 und du tanzt nicht mehr wie früher.“

Als ich als Kind die mit Pferden oder Blümchen verzierten Poesiealben meiner Freunde in den Händen hielt und mit krakeliger Grundschulschrift die bunten Seiten mit blauer Farbe füllte, musste ich bei dem Feld „Lieblingslied“ vielleicht kurz darüber nachdenken, welcher der Songs von Jeanette Biedermann denn grade mein liebster war, aber bestimmt nicht darüber, was mein Berufswunsch ist. Mein 7-Jähriges ich wollte unbedingt und ohne Zweifel einmal Lehrerin werden, war dies doch schließlich das Berufsfeld, mit welchem ich abgesehen von dem meiner Eltern am öftesten konfrontiert wurde. Kaum war ich in der Lage, mehr als zwei hintereinander folgende Sätze sinnvoll und ohne große grammatikalische Schwierigkeiten aneinanderzureihen, sah ich in mir schon eine zukünftig erfolgsgekrönte Autorin, die später gewiss eine literarische Karrierelaufbahn einschlagen würde. Zu dieser Zeit fing ich dann an, reihenweise Kurzgeschichten oder sogar ganze Bücher zu verfassen, von denen die vielversprechend klingende Hommage „Hoppel ist weg“ an ein Kaninchen, dass ich nie besessen habe, nur den brillanten Auftakt einer Reihe literarischer Meisterwerke bildete.

Je älter ich wurde, desto seltener fand ich Zeit, meine Finger in die Tasten des Familien-Computers zu hauen. Schulische Themen wurden zunehmend komplexer und ich entwickelte plötzlich sowas wie ein Privatleben, das ich sehr zum Leidwesen meiner Eltern mit pubertären Schwierigkeiten, „mit Freunden abhängen“ und anderen mehr oder weniger sinnvollen Freizeitaktivitäten vollstopfte. Wäre es zu diesem Zeitpunkt noch cool gewesen, Freundebücher auszutauschen, hätte ich das Berufswunschfeld wahrscheinlich einfach ausgelassen oder versucht meiner Antwort mit einem pseudolustigen „Megastar“ jeglicher Ernsthaftigkeit zu entziehen. Der Gedanke von einem Leben nach der Schule schien meinem 15-Jährigen ich zu dieser Zeit so fern, dass ich mein berufsvorbereitendes Schülerpraktikum aus Bequemlichkeit in meinem alten Kindergarten absolvierte. Dazu nur so viel: Ich hatte einfach absolut kein Händchen für die kleinen Knirpse, war ich doch im Kopf irgendwie selbst manchmal noch einer. Nachdem ich die drei Wochen mehr oder weniger erfolgreich gemeistert hatte, war das Kapitel „Berufswunsch“ mit der Abgabe des Praktikumsberichts, in welchem ich anschaulich darlegte, warum ich später keine Kindergärtnerin werden will, erst mal ad acta gelegt worden.

Auch wenn ich nicht per se schlecht in der Schule war, lag mein primäres Ziel nun auf dem erfolgreichen Absolvieren des Abiturs, musste ich doch aufgrund meiner auffallenden mathematischen Beschränktheit, aus der eine regelrechte Mathephobie resultierte, teilweise doch hart dafür kämpfen. Ich fieberte also schulisch auf das Abitur zu, während ich meine Freizeit nun damit verbrachte, durch Sport einem durch die Medien normierten Schönheitsideal zu entsprechen oder mit meinen Freunden auf irgendwelchen Partys abzuhängen. Plötzlich fand sich mein 18-Jähriges ich zwar am Bahnhof „Abitur“ wieder, aber von dem für mich bestimmten Anschlusszug fehlte irgendwie jegliche Spur.

Eine Auslandserfahrung wird es schon richten, dachte ich mir, und stieg mit voller Hoffnung in das Flugzeug nach Kapstadt. Mal abgesehen davon, dass mir diese unglaubliche Zeit viele unvergessliche Erfahrungen, eine Menge Selbstständigkeit, Weltoffenheit und neue Freunde gebracht hat, brachte mir diese Reise in puncto Zukunft leider nicht die erhofften Erkenntnisse. Erneut hing ich also an diesem Bahnhof fest, allerdings mit dem Unterschied, dass ich mich jetzt nicht mehr zurücklehnen und auf eine spirituelle Eingebung an den Stränden von Kapstadt hoffen konnte. Ich versucht es also selbst in die Hand zu nehmen.

Eine Initiativbewerbung gepaart mit einer dicken Portion Glück haben mir dann ein Praktikumsplatz beim Radio verschafft, der mich glücklicherweise daran erinnerte, dass ich gerne schreibe und mir eindrucksvoll klarmachte, dass Moderatoren von Morning-Shows um 6 Uhr morgens in der Früh in Wahrheit nicht immer so gut gelaunt sind, wie sie es vorgeben. Und obwohl sich dieses Praktikum für mich als um einiges aufschlussreicher als mein kurzer Ausflug in den Kindergarten erwies, schien ich von einer konkreten beruflichen Vorstellungen beinahe genauso weit entfernt wie schon zuvor. Zu wissen, was man nicht will, ist schließlich auch eine Form der Erkentnis.

Da eine Ausbildung für mich also nicht in Frage kam, entschied ich mich schließlich für ein Studium der Kulturwissenschaften. Hier fühlte ich mich von Anfang gut aufgehoben, kam es mir doch ein bisschen so vor, als wären geisteswissenschaftliche Studiengänge eben genau für solche Menschen wie mich erfunden worden. Das mag für den ein oder anderen vielleicht ein bisschen zynisch klingen, ist es aber absolut nicht gemeint. Unsere Gesellschaft braucht Geisteswissenschaftler natürlich genauso sehr wie Mathematiker, Ärzte oder Juristen, nur fällt die Idee davon, welchen Beruf so ein studierter Geisteswissenschaftler denn dann mal ausübt, natürlich deutlich schwammiger aus. Denn neben all dem Raum, den so ein Studium bietet, um sich in den unzähligen Theorien der großen Denker zu verlieren und ungehemmt seinen Interessen und Leidenschaften nachzugehen, kann dieser Mangel an Praxis sowie vorgefertigten Strukturen auch schnell dazu führen, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht und der Vorstellung eines geordneten Berufsleben gedanklich noch ferner wird, als man es ohnehin schon war. So zumindest erging es mir.

Und unter dem Druck, den ich mir selbst permanent mache, indem ich mich in Momenten scheinbarer Langeweile durch die Profile 20-Jähriger CEOs, Journalisten oder Supermodels auf Instagram swipe, während ich zerknirscht auf die unaufhörlich tickende Lebensuhr starre, neigt sich mit der Abgabe der Bachelorarbeit auch dieses Studium langsam dem Ende zu. Und wo stehe ich jetzt? Irgendwie immer noch am Bahnhof „Abitur“, nur dass ich jetzt zusätzlich noch eine riesige Tasche voller Wissen mit mir herumschleppe.

Natürlich habe ich versucht, neben der ganzen, manchmal doch sehr lebensfern scheinenden kulturwissenschaftlichen Theorie, durch das Absolvieren von Praktika sowas wie eine Idee davon zu bekommen, in welcher klimatisierten Büroanlage ich mich denn mal sitzen sehe, bin aber gedanklich eigentlich bloß wieder an dem Punkt angekommen, an dem ich mich beim Verfassen von „Hoppel ist weg“ schon befunden habe: Ich möchte gerne schreiben. Aber wo, wo, wo? Und wenn ich diese Frage beantwortet habe: wie komme ich dahin? Und viel wichtiger eigentlich: wie finde ich es denn nun heraus? Und dann: muss ich es denn überhaupt schon wissen?

Und wenn ich mal wieder nachts nicht schlafen kann, weil neben all dem Gottvertrauen, dass ich irgendwie in mir trage und dass mir die meiste Zeit auch einfühlsam zuflüstert, dass ich meinen Weg schon irgendwie finden werde, sich doch manchmal eine böse Stimme einschleicht, die mir sagt, dass ich doch langsam wissen müsse, was ich werden will und es für das Erreichen großer Träume und Karrieren ohnehin langsam zu spät sei, ist da eine Traurigkeit und auch eine bisschen eine Wut in mir.

Ist es denn wirklich so schlimm, nicht zu wissen, was man mal werden will?

Anmerkung: Ich weiß, dass ich mit diesen Gedanken und Sorgen nicht allein bin und ich weiß natürlich auch, dass es nicht Geisteswissenschaftler sind, die oft Probleme haben, ihren Platz in der Welt zu finden. Ebenso weiß ich, dass es auch viele Geisteswissenschaftler gibt, die für sich irgendwie diesen Weg aus dieser Misere gefunden haben und dann oft sogar besonders glücklich sind in ihren großen oder kleinen Nischen, die scheinbar perfekt auf sie abgestimmt sind.

2 Gedanken zu “Zukunftsangst – oder der Beitrag, in dem ich keine Ahnung habe, was ich mal werden soll

  1. verbalkanone schreibt:

    Ich habe mich in vielem, was du geschrieben hast, eins zu eins wiedererkannt. Ich bin auch eine studierte Geisteswissenschaftlerin mit Abschluss. (Das muss man als Geisteswissenschaftlerin ja immer dazu schreiben, denn ich habe mal gelesen, das nur jede siebte Geisteswissenschaftlerin auch ihr Studium abschliesst.) Weisst du was? Du wirst am Ende des Tages in irgendeinem Job landen, mit dem du niemals nie gerechnet hast. So war es jedenfalls bei mir. Das Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne machst … oder so ähnlich … 😉

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    • alexandradpe schreibt:

      Danke für deinen lieben Kommentar. Meistens hilft es einem schon, wenn man merkt, dass man nicht alleine ist! Darf ich fragen, was für ein Job das ist, in dem du dann gelandet bist? 🙂

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