Nach dem Ende der Anfang, bitte

„Sunsets are proof that endings can be beautiful too.“

Wenn schöne Dinge, Momente oder Zeiten zu Ende gehen, dann ist das meistens ziemlich traurig. Der letzte Biss des saftig triefenden Hamburgers, das Staffelfinale der Lieblingssendung, der letzte Sonnenuntergang am paradiesischen Sandstrand oder der letzte Tag in einer vertraut gewordenen Atmosphäre: ein bisschen Wehmut gepaart mit mehr oder minder ausgeprägter Sentimentalität schaut uns meistens schon vor dem eigentlichen Ende schelmisch über die Schulter. Und wenn dieses Ende dann tatsächlich erreicht ist, überschwemmt uns über Minuten, Wochen, Tage oder sogar Monate eine scheinbar niemals enden wollende Sehnsucht. Gut, den Hamburger haben wir vielleicht schon beim Nachtisch wieder vergessen, die Lieblingsserie spätestens nach zwei Wochen durch eine neue ersetzt und den Urlaub nach zwei Monaten aus Euphorie für den nächsten Wochenende-Trip schon fast vergessen. Wenn man aber die Heimat oder das, was für einen in den letzten Jahren zur Heimat geworden ist, verlassen muss, dann kann das ziemlich weh tun und diese Sehnsucht einen länger im Griff haben, als einem manchmal lieb ist.

In genau so einer Endphase befinde ich mich gerade. Nach drei Jahren musste ich mich von meiner WG in Lüneburg trennen. Genau genommen hat sich eigentlich meine WG von mir getrennt, weil meine beiden Mitbewohnerinnen nach erfolgreichem Abschluss des Bachelors das idyllische Lüneburg verlassen haben, um ihre akademische Laufbahn mit einem Master-Studiengang abzurunden. Drei Jahre haben wir zusammen gelebt, gelacht, getanzt und geweint und sind irgendwie auch zusammen ein Stück gewachsen: Wir haben uns gemeinsam durch die Strukturen des bürokratischen Universitäts-Dschungels gekämpft, die noch so kryptisch scheinenden kulturwissenschaftlichen Theorien durchdrungen und davon völlig entkräftet die leer gesogenen Energiespeicher in unserer gemütlichen Küche mit jeder Menge leckerem Essen und mal ernsten, mal witzigen Gesprächen wieder aufgeladen. Nicht umsonst haben wir diese Küche später als „Ort außerhalb von Zeit und Raum“ („Raum und Zeit“ ist ja leider schon besetzt, thanks Universum) getauft. Denn im besten Fall ist es so, dass, wenn man von seiner WG-Familie bei einem Stück Kuchen, einem Kaffee oder einem Wein umgeben ist, sich alle anderen kleinen oder großen Sorgen irgendwie einfach für einen Moment beiseiteschieben lassen.

Und natürlich war uns allen von vorneherein klar, dass wir nicht auf Ewig zusammenleben werden, dass der Bachelor nur eine Phase und Lüneburg nur eine Zwischenstation ist und dennoch hatte ich für einen kurzen Moment, als der letzte Umzugskarton im Anhänger verschwunden und der letzte, von der Abschiedsparty zeugende Zigarettendreck auf dem Boden der ausgeräumten Wohnung hektisch entfernt wurde, für einen kurzen Moment dieses erdrückende Gefühl von „so cool wird es nie wieder“.

Ja, mit diesem Gefühl hatte ich schon öfter zu tun und kann deswegen mit voller Überzeugung behaupten, dass es natürlich totaler Unsinn ist. Ich will nicht sagen, dass es nicht okay ist, traurig darüber zu sein, wenn etwas zu Ende geht. Im Gegenteil. Aber es ist nicht okay, wenn man zulässt, dass diese Traurigkeit in eine erdrückende, die Zeiten idealisierende Melancholie umschwenkt, die einen wie ein Brett vor dem Kopf blind durch den Wald stolpern lässt und dadurch verhindert, dass man zurück auf den Pfad findet (Wow, 1A Metapher, meine damaliger Deutschlehrer wär stolz auf mich). Genauso habe ich mich nämlich gefühlt, als ich vor dem Studium aus meiner Auslandszeit in Kapstadt wiedergekommen bin. Klar scheint in Kapstadt ein bisschen öfter die Sonne als hier und vielleicht liegt auch wirklich ein bisschen mehr Leichtigkeit in der Luft als im manchmal ziemlich steifen Deutschland, aber für mich war in dieser Zeit wirklich absolut alles viel grauer, hässlicher und insgesamt sowieso immer tausend mal schlechter als in Kapstadt. Mit dieser Einstellung bin ich nicht nur meinen Mitmenschen gehörig auf den Zeiger gegangen, sondern habe mir auch den ein oder anderen ziemlich vielversprechenden Moment selbst kaputt gemacht.

Um zu verstehen, dass ein Ende in den meisten Fällen eben nicht einfach nur ein Ende, sondern auch das Potential für neue Anfänge ist, hat mich damals beinahe ein halbes Jahr voller Frustration, schlechter Laune und Melancholie gekostet. Und klar war es auch danach nicht immer cool und klar gibt es auch auf dem Weg richtigen Waldweg manchmal kleine Stolpersteine, aber was mir absolut geholfen hat, ist, zu realisieren, wie dankbar ich mich eigentlich schätzen kann, diese tolle Erfahrung überhaupt gemacht haben zu dürfen. Und ja, das mag jetzt vielleicht ein wenig phrasenhaft klingen, aber ich musste tatsächlich erst lernen, solche Erfahrungen aus dieser Perspektive wahrnehmen zu können. Denn es ist nun mal so, dass je leckerer der Burger, je spannender die Serie, je schöner der Sonnenuntergang und je heimischer und vertrauter die Atmosphäre, desto blöder ist eben auch das Gefühl, wenn es dann plötzlich vorbei ist.

Und trotzdem habe ich jetzt ein gutes Gefühl in mir drin, wenn ich daran denke, was für eine tolle Zeit ich in dieser WG hatte und was für tolle Menschen und Erfahrungen sie in mein Leben gespült hat und dass ich das manchmal in der Situation selbst gar nicht immer so wahrgenommen habe und das jetzt erst überhaupt für so wertvoll betrachten kann.

Hätte mir das jemand nach Kapstadt gesagt, hätte ich ihm wahrscheinlich den Vogel gezeigt, die Worte als pseudo-weise Phrasen abgestempelt und mich mit einer Arschbombe zurück in meine Melancholie fallen lassen. Heute weiß ich aber, dass es eben doch was dran ist und dass nach jedem Ende eben auch ein Anfang kommt. Und bevor ich mir jetzt eine Cap aufsetze und als Mark Forster verkleidet „egal, es wird gut, sowieso“ singe, beende ich diesen Beitrag und bin gespannt auf meinen neuen Anfang.

2 Gedanken zu “Nach dem Ende der Anfang, bitte

  1. Leonora Müller schreibt:

    Schöner Beitrag! Can relate 100%. Bist super die Slackline zwischen Bob Ross (❤️) und Mark Foster gelaufen 🙂
    Musste an Childish Gambino denken: „I think endings are good because they force things to get better.“

    Love you

    ________________________________

    Gefällt 1 Person

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