Endlich anfangen anzufangen

Es ist Freitagabend 19.00 Uhr. Endlich Feierabend. Nach einem gut gefüllten Praktikumstag inklusive sechsstündiger Autofahrt nach Köln und zurück, bin ich endlich Zuhause angekommen. Nach einer saftigen Portion Spaghetti schmeiße ich mich in meine Jogginghose, fläze mich aufs Bett und streichle theatralisch mit ein bisschen zu viel Inbrunst das grade in meinem Bauch heranwachsende Food-Baby. Nach ein paar Minuten der vollkommenen Zufriedenheit wandert mein Blick auf das braune Stück Holz, das mich aus der rechten Ecke meines Zimmers beinahe vorwurfsvoll anstarrt. Na, wär das jetzt nichts? Ein bisschen die Finger in die Saiten der Gitarre greifen und endlich mal wieder am Fortschritt der Entwicklung meiner melodischen Ader arbeiten? Ein paar Sekunden hadere ich mit mir. Dann wende ich verlegen den Blick von der alten Klampfe und tröste mein Gewissen mit der angeblichen Müdigkeit, die mich plötzlich überkommt. Ich greife nach der Flasche Wasser, die links neben mir auf dem kleinen Holztisch steht und will sie grade Richtung Gesicht führen, da pfeffere ich versehentlich sämtliche Fehrnbedingungen, zwei Packungen von der letzten Grippe zeugenden Halsbonbons und ein Buch von der Seitenkante meines Bettes. Stöhnend hebe ich das Zeug wieder auf, als mein Blick auf den Titel des Buches fällt. „Die Geschichte der Bienen“ heißt es und ist eigentlich ziemlich gut. Ich hab es von meiner Mutter zu Weihnachten geschenkt bekommen. Das ist jetzt über zwei Monate her. Trotzdem zeugt das ziemlich weit vorne eingesteckte Lesezeichen nicht grade von sprühendem Elan und Hingabe zum Lesen. Ein bisschen wehleidig habe ich das Gefühl dieser tollen Geschichte nicht wirklich gerecht zu werden. Den Gedanken, das jetzt einfach wieder gut zu machen, verwerfe ich innerhalb von Sekunden. Die Müdigkeit! Schließlich wandert meine Hand runter zum Boden, wo mein Laptop liegt. Er ist noch angeschaltet und beim Drücken des Mauspads erscheint die Startseite von Netflix vor meinen Augen. Ohne groß darüber nachzudenken, verbringe ich meinen Freitagabend vor dem Bildschirm, lasse  mal mehr mal weniger komplizierte Handlungsstränge auf mich einprasseln und schlafe schließlich einfach ein.

 

Und dann gibt es Momente wie diesen hier, wo ich mich frage, warum das eigentlich so ist, warum ich so bin. Es gibt so unendlich viele Dinge, die ich eigentlich gerne machen möchte. Ich will endlich Gitarre lernen, gute Bücher lesen, schöne Texte schreiben, mein Englisch verbessern, mehr in die Natur und und und. Ich habe das Gefühl, dass je mehr Dinge auf dieser Liste stehen, desto tiefer sinkt meine  Motivation, bis sie wie an diesem einen Freitagabend einfach auf dem absoluten Null-Level stagniert.

Dabei stehen auf dieser unsichtbaren To-Do-List nur Dinge, die mir im Grunde wirklich Spaß machen und in jeder Hinsicht eine Bereicherung für mich selbst darstellen. Und das große Problem, dass ich habe, ist einfach nur das blöde Anfangen. Denn sobald ich meine Gitarre in den Händen halte und den ersten Ton spiele, sobald ich die erste Zeile eines neuen Beitrags geschrieben habe oder sobald ich den ersten 5-Minuten meines liebsten englischen Crime-Podcasts lausche, passiert alles wie von selbst und ich würde keine Sekunde gegen eine dämliche Folge irgendeiner Netflix-Serie tauschen wollen. Wäre da eben nicht das blöde Problem mit dem Anfangen.

Ich würde so gerne davon, berichten, dass es nur ein paar Minuten Einsicht bedarf und ich wie von selbst von dieser Motivationslosigkeit geheilt wurde, aber mich kostet es jedes Mal einer ganzen Menge Disziplin meinen eigenen grundlosen Widerstand zu brechen und mich den Dingen zu widmen, denen es mehr bedarf als starr auf einen Bildschirm zu starren. Ich habe keine Lösung dafür. Aber ich erkenne das Problem. Und  Einsicht ist ja bekanntlich der erste Schritt zur Besserung.

Es sind eben grade diese Tage, wo man den ganzen Tag irgendwie eingespannt war, genervt vom Job, von Freunden oder einfach von sich selbst. An diesen Tagen ist es so wunderschön bequem einfach den Kopf abzuschalten und sich sinnlos von Netflix oder Instagram berieseln zu lassen. Ich glaube aber, dass es grade diese Tage sind, wo man seinen Hintern hoch bekommen und sich all den Dingen widmen sollte, die einen später stolz auf sich selbst sein lassen und den blöden Tag vielleicht ein bisschen mehr in den Hintergrund rücken.

Ich gelobe Besserung, will mehr über das, was ich tue, nachdenken und diesen blöden inneren Schweinehund namens Anfangen endlich bekämpfen. Und wer weiß, vielleicht kann ich in einem halben Jahr ja endlich mein Lieblingslied auf Gitarre spielen, habe in zwei Monaten endlich „Die Geschichte der Bienen“ beendet und vielleicht auch  regelmäßigere Beiträge hier verfasst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s