Wie es ist, plötzlich wieder Zuhause bei den Eltern zu wohnen

Was klingt wie eine eher mittelmäßig Clickbait-taugliche Vice-Überschrift, ist für mich nun seit ungefähr zwei Monaten knallharte Realität. Ich bin nach drei Jahren der Unabhängigkeit und Freiheit des Alleine wohnens wieder in mein mit Kasetten und Kuscheltieren geschmücktes Kinderzimmer gezogen. Grund dafür ist die verzweifelte Suche und auch das schlussendliche Finden eines Praktikumsplatzes meinerseits. Ich musste da mal raus, aus diesen mit Theorie überladenen und immer viel zu voll besetzten (zumindest zu Anfang des Semesters) Seminarräumen. Vielleicht habe ich auch einfach Muffensausen bekommen, mich kurz vorm Ziel namens Bachelor noch nicht bereit gefühlt, einfach weiter grade aus durch das Bändchen zu sprinten, ohne so richtig zu wissen, was ich mit diesem Sieg überhaupt anfangen soll.

Lange rede, kurzer Sinn: Ich mache nun seit zwei Monaten ein Praktikum beim Fernsehen in meiner Heimatstadt und bin aus diesem Grund auch wieder Zuhause eingezogen. Das hat sich angeboten und mir, zumindest was die ganzen bürokratischen und finanziellen Müßigkeiten, die aus Wohnungssuche etc. bestehen, eine ganze Menge Arbeit erspart.

Ehrlich, ich bin absolut gerne Zuhause. Über Weihnachten oder Ostern. Gerne auch zu Geburtstagen oder einfach so übers Wochenende. Und trotzdem freu ich mich jedes Mal wieder zurück in meine WG nach Lüneburg zu kommen. Alleine wohnen ist super. Man muss keine Rücksicht auf irgendwen oder irgendwas nehmen, man kann Zuhause sein wann man will, in welchem Zustand man will und mit wem man will. Man ist für seinen eigenen Scheiß verantwortlich und auch dafür, wenn man ihn mal wieder nicht auf die Reihe bekommt.

Natürlich war mir von Anfang an klar, dass dieses kleine Comeback ins Kinderstübchen nur ein temporäres ist und dass ich zum Glück auch die Art von Eltern habe, die im Grunde genauso wenig Bock auf Stress haben wie ich. Und dennoch hat mir der Gedanke, plötzlich für so lange Zeit mit meinen Eltern auf einem Haufen zu sitzen, doch irgendwie ganz schönes Unbehagen bereitet, war mir doch bewusst, dass ich damit ein ganzes Stück dieser neu gewonnen Unabhängigkeit wieder aufgeben werde.

Angefangen hat die neue-alte „Eltern-Kind-WG“ dann auch eigentlich ziemlich harmonisch. Im Grunde habe ich nämlich ein ziemlich gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Diese anfängliche Freude ist dann aber ziemlich schnell in diesen Alltagstrott übergegangen und es hat dann auch gar nicht lange gedauert, bis es dann so richtig geknallt hat. Mehrmals und ganz schön laut.

Und ich glaube was da geknallt  hat, waren gar nicht wir Menschen, sondern das Potential, was von Anfang an in der Luft lag. Ich hatte so ne Panik davor, dass die nächsten drei Monate nur aus knallenden Türen und ständigen Einschränkungen besteht, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, wie es anders hätte sein können. Und ich glaube, dass es meinen Eltern vielleicht ähnlich ging. Klar, für die war das auch komisch. Es war ja nicht nur meine Unabhängigkeit, die mal eben flöten ging, sondern auch ihre. Tagesroutinen, die sich über die Jahre irgendwie verändert und auseinander gelebt haben, kreuzten sich plötzlich wieder und Leben, die nicht mehr gewohnt waren, aufeinander abgestimmt zu werden, prallten plötzlich mit voller Wucht aufeinander.

Und all dieses Potential aus Gedanken, Panik und sich kreuzenden Routinen  ist dann eben explodiert. Wie warme Luft im Sommer, die sich entladen muss und in einem laut donnerndem Gewitter äußert. Und dann ist es plötzlich still. Und die Wolken verpuffen und man sieht wieder diesen sternenklaren Himmel und die eben noch herrschende Panik kommt einem plötzlich unendlich albern vor.

Ja und so ungefähr ist das, wieder Zuhause einzuziehen. Und nach jedem Gewitter kommt die ruhige Nacht und wie automatisch, stimmen sich Gewohnheiten wieder aufeinander ab und es wird leichter und dann habe ich gemerkt, dass es doch irgendwie geht und dass es auch doch irgendwie schön sein kann. Wir haben uns als Familie eingegroovt und auch wenn wir vielleicht nicht immer im selben Takt tanzen, können wir doch alle irgendwie von einander profitieren. Ein Familienleben hat natürlich auch viele gute und schöne Seiten. Immerhin habe ich 18 Jahre gerne Zuhause gewohnt und vielleicht musste ich auch erst wieder lernen, warum.

Natürlich läuft auch heute nicht immer alles rund und dann ist da auch wieder ein bisschen diese warme Luft. Aber daraus wird dann eben meist nur ein kleines Gewitter, eins wo man weiß, das ist ganz weit weg und wenn man geschickt ist, kann man die Sekunden zwischen den Donnerschlägen zählen und erkennen, in welcher Entfernung das Gerumse wirklich liegt.

Wieder Zuhause einzuziehen bedeutet Kompromisse zu schließen und sich damit abzufinden, dass manche Sachen eben einfach nicht so funktionieren, wie sie das tun, wenn man alleine wohnt und keine Rücksicht nehmen muss. Das ist absolut nicht immer einfach und erst recht nicht immer in allen Dingen nachvollziehbar, aber bedeutend unkomplizierter, als ständig in die comfort zone des anderen zu wühlen. Ja Eltern, sie sind eben nicht immer einfach für uns Kinder und vielleicht ist es auch sinnvoll, dass sie später im Leben nicht immer um dich rumspringen. Und vielleicht ist das auch wichtig, damit man nicht vergisst, sie zu schätzen.

Zuhause wohen ist schön. Vielleicht auf eine andere Art, als alleine zu wohnen und vielleicht sollte ich das einfach nicht gegeneinander abwiegen, sondern die Zeit so genießen, wie sie ist und weiterhin freudestrahlend auf das neue Semester in meiner WG blicken!

 

 

 

 

 

 

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