Leben im Township – Erfahrungsbericht

Südafrika und die Townships

Wie ich in meinem Bericht über die Freiwilligenarbeit in Südafrika schon angemerkt habe, verbrachte ich den ersten Teil meines Auslandaufenthalts in Mitchells Plain, einem der größten Townships Kapstadts. Südafrikas unrühmliche Vergangenheit ist euch sicher nicht unbekannt. Ob in der Schule, durch Dokumentationen oder anlässlich Nelson Mandelas Tod: mit dem Thema Apartheid haben wir uns irgendwie alle schon einmal auseinandergesetzt.

Die Apartheid hat tiefe Risse in der afrikanischen Bevölkerung hinterlassen, die bis heute zum Großteil nicht repariert werden konnten. Paradebeispiel dafür sind die Townships, die während der Apartheid errichteten Wohnsiedlungen für die schwarze, farbige oder indische Bevölkerung. Obwohl die Rassentrennungspolitik der Apartheid formal nicht mehr im Gesetz verankert ist, hat sich wenig an den damaligen Wohnsituationen geändert. Die Townships bestehen bis heute und beheimaten immer noch einen Großteil der Nicht-weißen Bevölkerung, dessen Leben durch Armut und daraus resultierender Kriminalität bestimmt ist.

Mitchells Plain, das Township, indem ich mich niederließ, war ursprünglich für die farbige Mittelschicht gedacht und beherbergt so auch einige besser situierte Menschen. Das ändert aber nichts an den vielen Problemvierteln und der überdurchschnittlich hohen Kriminalitätsrate, welche durch die vielen Zugezogenen, welche sich ein Leben in Mitchells Plain eigentlich nicht leisten konnten, verursacht wurde.

Und genau hier schlug ich dann zu Beginn meiner Reise meine Zelte auf. Natürlich hatte ich mich schon vor dem Start meines Abenteuers über mein zukünftiges Zuhause informiert, bewusst darüber, dass Kapstadt nicht nur Party, Highlife und Lieblingsstadt zahlreicher Modemagazine dieser Welt ist, sondern dass da noch viel mehr dahintersteckt. Die andere Seite Südafrikas, in die sich kaum ein Tourist verirrt, die aber das Leben eines Großteils der südafrikanischen Bevölkerung darstellt.

Ich habe lange überlegt, ob ich ganz „direkt“ von den Verhältnissen und meinen Erlebnissen in Mitchells Plain berichten soll. Über die Township Partys, das unglaubliche Lebensgefühl, aber auch über das Damoklesschwert,  welches dich grade als weißer Fremder in dieser überdurchschnittlich gefährlichen Welt ständig begleitet. Ich hab mich schließlich dagegen entschieden, weil ich diese Fülle an Erfahrungen niemals in einen Bericht hätte packen können und weil ich glaube, dass diese kleine „Geschichte“ aussagekräftig genug sein wird, das Leben in Mandalay, Mitchells Plain in einer eindeutig kürzeren Fassung aussagekräftig zu beschreiben.

 

 

Ein Tag in Mitchells Plain

„Passt auf euch“, ruft unsere afrikanische Mama uns hinterher, während wir das schwere Eisentor passieren, das es Einbrechern unmöglich machen soll, sich auf das Grundstück zu schmuggeln. Keine Minute draußen und die erste Schweißperle bahnt sich ihren Weg über meine Stirn, während ich da mit meinen zwei Volunteerschwestern in der Einfahrt des kleinen rosa angestrichenem Einfamilienhaus stehe. Das Logo des FC Liverpool in Übergröße ziert die Hauswand und mit einem letzten skeptischen Blick dem Haus zugewandt, laufen wir los in Richtung Hauptstraße. Der erbarmungslosen Sonne ausgesetzt müssen wir glücklicherweise keine 5 Minuten auf den nächsten Minibus warten, der mit einer Vollbremsung vor unseren Füßen halt macht. Ein großer farbiger Mann winkt uns eilig herein und während ich den Bus betrete, greife ich ein letztes Mal unsicher nach meinem Handy, dass ich ganz unauffällig in meinem Jeansbund verstaut habe.

Der Minibus ist voll. Es riecht unangenehm nach Schweiß und verschiedensten Backwaren, deren Gerüche auf seltsame Art und Weise verschmelzen. Gemeinsam mit einer korpulenteren, älteren Frau teilen wir uns die Rückbank des Gefährts und bei jeder Bremsund sticht sie mir ihren Ellenbogen hart in meine Rippe. ‚Was soll’s‘, denke ich mir und lehne mich zurück, um aus dem kleinen  Fenster schauen zu können. Neben dem Tape, dass das Fenster in seinem Rahmen halten soll, sehe ich die Stacheldrähte und  Steinmauern an mir vorbei sausen, davor Menschen bepackt mit  prall gefüllten Plastiktüten. An der Straße führt ein Mann ein rinderähnliches Tier über den Fußweg und daneben liegt ein toter Hund, der aussieht, als wäre es schon im 19. Jahrhundert gestorben. Bevor mich der Eckel packen kann, tippt mich die Frau auf der Rückbank vor mir an und hält mir ihre Hand hin. Schnell krame ich ein paar Randstücke aus meiner Hosentasche und drücke sie ihr in die Hand. Der Minibus hält erneut und fünf weitere Menschen steigen dazu. Der Bus platzt aus allen Nähten und die Enge und Hitze werden fast unerträglich. Das scheint aber keinen groß zu stören. Die Menschen im Bus plaudern und der Minibusfahrer drückt freudig auf den Radioknopf. Ich lausche „The Hills“ von The Weekend und hoffe, dass wir das Einkaufszentrum bald erreichen. Von Weitem sehe ich das Schild der „Liberty Promenade“ und führe einen innerlichen Freudentanz auf, als wir kurz vor dem Zentrum zum halten kommen.

 

 

Als ich mit meinen Volunteerfreunden aus dem Bus steige, werden wir von einem älteren Herrn mit einem Korb Bananen angesprochen. Er fragt uns nach Geld und grinst uns dabei mit seinem zahnlosen Lächeln an. Ich gebe ihm ein paar Rand und hoffe, dass er sich damit zufrieden gibt. Tut er leider nicht. Als nächstes fragt er nämlich, ob ich ihn den nicht gerne heiraten würde. Die Situation cool spielen, flüstere ich wie ein Mantra vor mich hin. Ich lächle und versichere ihm, dass das allein seines Alters wegen leider nicht gehe! Dann verabschieden wir uns höflich, aber bestimmt und schreiten weiter voran, über Berge von Abfall, die den Gehweg richtung Eingang des Zentrums zieren.

Das Einkaufszentrum ist angenehm kühl und dient augenscheinlich als Rückzugsort für halb Mitchells Plain. Eltern laufen mit ihren kreischenden Kindern an der Hand von Schaufenster zu Schaufenster oder sitzen in einem der zahlreichen Fast-Food-Kettenläden. Unser erster Stopp ist der Biltong-Laden in der Mitte des Einkaufszentrums, wo wir uns Tütenweise von dem leckeren getrockneten Fleisch in uns reinschaufeln. Der nächste Halt ist der Bankautomat, an dem wir uns hinter gefühlten 50 Menschen in die Warteschlange einreihen dürfen. Wir werden von allen Seiten kritisch beäugt, denn die Unsicherheit steht uns auf der Stirn geschrieben. Geldabheben in Mitchells Plain ist nämlich so eine Sache. Mal abgesehen davon, dass man prinzipiell nur in Einkaufszentren Geld abheben sollte und NIEMALS auf offener Straße, haben einige Menschen hier einen außerordentlich guten Sinn für Kreditkartenbetrug und Kontohacking, oder wie man dieses kriminelle Hobby im Fachjargong auch nennen mag.

Das Geld sicher im Portmonee verstaut wollen wir unsere mit Biltong gefüllten Bäuche noch mit ein bissche Hühnchen an die südafrikanische Ernährungsweise gewöhnen und tingeln zu Kentucky Fried Chicken, wo ein leckeres Hühnchen mit Brot auf mich wartet.

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Das Essen macht uns träge und wir entscheiden, wieder zurück nach Mandalay zu fahren, um uns ein bisschen im  ummauerten Innenhof der Gastfamilie am kühlen Pool zu entspannen.

Wir stellen uns auf die Straße und warten auf den nächsten Minibus, den wir dann aber wegen einer verdächtig kaputt aussehenden Frontscheibe dankend ablehnen. Der Fahrer beäugt uns kritisch und steigt schließlich aufs Gas, um abzudampfen. Der Himmel scheint sich langsam in ein sanftes grau zu färben und wir werden nervös, weil wir schon längst Zuhause sein sollten. Mitchells Plain am Abend  sollte man als Tourist lieber meiden. So beschrieben es uns die Gasteltern vorsichtig. Die Straßen werden überflutet mit Menschen, die ihre voll gepackten Einkaufstüten zu ihren Häusern transportieren. Die nächsten zwei Minibusse rauschen einfach an uns vorbei. Selbst für südafrikanische Verhältnisse sind sie einfach zu überladen. Unruhig trete ich vom einem zum anderen Fuß. Schließlich haben wir Glück und steigen in einem überwiegend durch Männer besetzten Minibus ein. Der Fahrer singt und die Mitfahrer steigen klatschedn mit ein. Das Gefühl von Lebensfreude überkommt mich. Vor zu vielen Männern im Minibus haben uns die Gasteltern gewarnt. ‚Wir sind ja zu dritt‘, denke ich mir mit dieser Naivität, die man vielleicht auch einfach braucht, um hier als Tourist überhaupt leben zu können. Nativität, die als Mut anerkannt werden kann und diesen Willen zeigt, sich zu integrieren.

Der Minibus setzt sich in Bewegung und rast über die Kreuzung, vorbei an den vielen Händlern, die an den Ampeln stehen und versuchen die sonderbarsten Dinge zu verkaufen. Steckdosen, Quietscheentchen, Obst und Kabel aller Art. Ich muss innerlich grinsen, weil es so bezeichnend ist, für das Leben hier.

Es ist verrückt, hier zu sein, denke ich mir. Es ist anstrengend und gefährlich und trotzdem fängt es an mir zu gefallen.  Es fühlt sich nicht immer sicher an und das ist es auch ganz bestimmt nicht.

Dennoch ist es ein Teil Südafrikas und alleine beim Schreiben dieses Beitrags war ich immer wieder überrascht, wie fest sich diese  Erinnerungen in meinen Kopf festgesetzt haben, da dieses Ereignis immerhin schon 2 Jahre her ist. Vielleicht vermisse ich die Einfachheit hier manchmal. Die gute Laune und das Lebensgefühl und ich hoffe wirklich, dass es den Menschen hier irgendwann besser gehen wird und Sicherheit die Angst als ständigen Begleiter ablöst.

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