Freiwilligenarbeit – Mal eben kurz die Welt retten

Im Folgenden berichte ich euch über meine Erfahrungen mit der sogenannten „Freiwilligenarbeit“ im Ausland. Da diese Form der Auslandserfahrung besonders hinsichtlich der „sozialen Komponente“ in der Vergangenheit  medial ziemlich kontrovers diskutiert wurde, gebe ich hiermit ebenfalls meinen Senf dazu!

Freiwilligenarbeit – Mal eben kurz ins Ausland, ein bisschen Gutes tun, die Welt verbessern, in der Sonne bruzzeln und nebenbei den Lebenslauf ein bisschen aufpimpen. So oder so ähnlich werben die Organisationen mit ihren Angeboten; und ebenso wurde die Freiwilligenarbeit in diversen journalistischen Beiträgen auch schon zerrissen. Fernab von jeglichen  kritischen Diskussionen wollte auch ich mich ins Abenteuer stürzen und beschloss 2015 für ein halbes Jahr nach Südafrika zu fliegen.

Da ich bereits einige Male im Ausland war, war mir bewusst, dass da noch ein bisschen mehr ist außer Europa; ich hatte während der Schulzeit aber nie wirklich das Bedürfnis gehabt mir meinen Stock und Hut zu greifen und in die große weite Welt hinaus zu wandern. Ich war immer irgendwie glücklich da wo ich war. Ich mochte das Gefühl von Heimat und war auch sonst irgendwie ziemlich verwurzelt in meiner kleinen wuseligen Welt. Mit dem Abi hat sich das dann aber schlagartig geändert. Um mich herum wurden lautstark Pläne geschmiedet über das Studieren, das Arbeitsleben, und Träume, die es jetzt zu verwirklichen galt. Ich hätte wirklich gerne mitgeredet. Nur leider gab es da noch gar keine konkreten Träume, die ich realisieren wollte. Auf einmal schien mir die Idee ein bisschen die Welt zu erkunden und mir mal Herr über das Chaos in meinem Köpfchen zu werden, als gar nicht mehr so schlecht. Ich wollte nun unbedingt den Schritt aus meiner comfort zone wagen und so manifestierte sich der Entschluss mein Köfferchen zu packen.

 

Die Qual der Wahl: Work & Travel, Au Pair, Freiwilligendienst

Da ich in allen möglichen Foren über die verschiedenen Möglichkeiten der Realisierung von Auslandsaufenthalten recherchiert habe, ist mir leider sehr schnell schmerzlich klar geworden, dass ich für ein Freiwilliges Soziales Jahr um Längen zu spät dran war. Work & Travel war mir nicht ganz geheuer und so ein Au Pair Leben in den U.S.A. entsprach irgendwie nicht dem Abenteuer, dass ich mir in meinem Kopf ausgemalt hatte.

Wer im Internet nach Auslandsaufenthalten recherchiert, kommt bestimmt nicht an den zahlreichen Angeboten von Freiwilligendiensten  vorbei. Schließlich ist diese Art „das Weite zu suchen“ zurzeit absolut im Trend und dabei auch noch denkbar einfach zu realisieren. Im Gegensatz zum Freiwilligen Sozialen Jahr muss man sich hier nicht Jahre vorher bewerben; man kann außerdem ganz frei auswählen, in welches Traumland man sich hin beamen möchte und obendrein kann man die Dauer des Aufenthalts selbst bestimmen. Das klingt super, hat aber einen entscheidenden Nachteil. Es kostet Geld. Und das nicht zu wenig.

Da dieses Konzept von Ausland mir dennoch als am ehesten realisierbar erschien, hab ich mich entschieden das geforderte Geld zu investieren. Einen Großteil hab ich über mein Sparkonto finanziert, den Rest hab ich mir durch einen Nebenjob in der Pommesbude selbst dazu verdient. Ihr merkt, die Sache war mir mittlerweile wirklich wichtig.

 

Fürs Arbeiten bezahlen

Natürlich lag mein Hauptaugenmerk darauf, ein fremdes Land zu erkunden und von vielen Erfahrungsberichten getriggert, wollte auch ich sehen, was dieser Planet noch alles so zu bieten hat. Da ich mich für ein weniger entwickeltes Land entschieden hatte (übrigens Dank einer Freundin, die mir durch ihre Schwärmereien von Südafrika die Entscheidung über den Zielort wirklich abgenommen hat. Danke Grete!), wollte ich den Menschen dort irgendwie auch was zurück geben und mochte den Gedanken, dort in irgendeiner Weise auch soziale Hilfe zu leisten.

Natürlich ist der ganze Ansatz irgendwie paradox. Man fährt ins Ausland, leistet Freiwilligendienst (wo nun einmal das Wort FREIWILLIG drinsteckt) und bezahlt dann doch tatsächlich für dieses ehrenamtliche Engagement. Problem ist eben, dass diese Anbieter von Freiwilligendiensten kein Teil von staatlich geförderten Entwicklungsprojekten sind und demnach auch nicht finanziert werden. Die Organisation bezahlt Unterkunft, Flug, Essen und steht dir als persönlicher Ansprechpartner sowohl in Deutschland wie auch im jeweiligen Zielland zur Verfügung. Also, alles laut Broschüre natürlich…. Das alles kostet. Natürlich nur halb so viel, wie du bezahlst. Trotzdem will die Organisation natürlich Profit machen; und das nicht zu wenig. Und das gibt dem Gedanken, dass es ja eigentlich um  soziale Hilfe geht, einen etwas bitteren Beigeschmack.

Irgendwie pseudomäßig musste ich dann vor meiner Abreise eine Art Motivationsschreiben an die Organisation senden. Auch einen Lebenslauf sowie polizeiliches Führungszeugnis wollten sie haben. Dann ging es los und mit Zwischenlandung in Qatar bin ich nach ungefähr 20 Stunden in Südafrika gelandet.

Das mit der Einreise war dann auch irgendwie ein bisschen seltsam. Vorher hat mir die Organisation nämlich mehrmals eingetrichtert  den Beamten am südafrikanischen Flughafen ja nichts von meinen sozialen Absichten hinsichtlich meines Aufenthaltes zu erzählen. Als reiner Tourist sollte ich mich dort vorstellen und von meinen Amibitionen suuuuuuper Strandurlaub zu genießen berichten. Nach mehrmaligem Nachhaken hab ich dann auch erfahren wieso: Die südafrikanische Regierung will nämlich eigentlich überhaupt keine Volunteers in ihrem Land haben. Nicht dass es dort in einigen Regionen nicht wirklich nötig wäre, aber die haben einfach die Nase voll vom Elendstourismus, der ab und zu mal ein schwarzes Kind in den Armen hält und das dann als großartigen Beitrag zu Entwicklungshilfe anprangert. Das ganze wird mit Sicherheit auch noch andere (wirtschaftliche) Gründe haben, mit denen ich mich aber leider nicht genug auskenne, um sie hier zur Debatte zu stellen.

 

Die Organisation selbst  – Now? Oder Now Now?

Natürlich sind nicht alle Organisation im Freiwilligendienst gleich und was ich im Folgenden berichte bezieht sich demnach natürlich auch nur auf die von mir gewählte. So viel dazu: Bei mir ging das ganze wirklich absolut drunter und drüber. Dass die Südafrikaner eher so die Chiller sind und auch sonst wirklich meilenweit von der deutschen Ordnung & Pünktlichkeit entfernt sind, drückt sich eben schon in der Sprache selbst aus. Unterschieden wird hier im Sprachgebrauch nämlich zwischen „now“ und „now, now“, wobei now natürlich für das englische jetzt steht. Wenn ein Südafrikaner dir verspricht „now“ zu kommen, dann kannst du definitiv davon ausgehen, dass du ihn in den nächsten zwei Stunden nicht zu Gesicht bekommen wirst. Weiter darfst du dann rätseln ob er noch zur selben Tageszeit erscheint oder den Besuch doch eher auf die Nacht verschiebt. Ein „now now“ ist da um einiges präziser und du kannst zumindest in den nächsten Stunden mit einem Erscheinen rechnen!

Wer also wie ich, bisher nur mit dem deutschen Lebensstil sowie der Pünktlichkeit vertraut war, wird dort also definitiv sein blaues Wunder erleben. Die Verantwortlichen vor Ort waren kaum erreichbar, kamen zu vereinbarten Zeiten immer mindestens 2 Stunden zu spät, vergaßen einfach Volunteers von der Arbeit abzuholen oder Wasser für das Studenthouse zu bezahlen und schlussendlich nahmen sie Gebühren für wirklich alles: Internet, Geschirr, etc. Bei der Verlängerung des Visums wurden wir alle völlig im Regen stehen gelassen, da man über bürokratische Regelungen bzgl. des Antrags im eigenen Land selbst nicht so recht Bescheid wusste. Das war oft wirklich ziemlich ärgerlich, hat ganz schön Nerven gekostet und mir das ein oder andere Mal ein ziemlich mulmiges Gefühl verschafft. Die haben mir wirklich jeden Tag aufs Neue in meinen unselbstständigen Arsch getreten und im Endeffekt bin ich aufgrund dessen oft über mich selbst hinaus gewachsen und ein ganz großes Stück selbstständiger geworden. Ihr merkt: Ein zweischneidiges Schwert. Dennoch erwartet man bei der Menge Geld, die man investiert, doch irgendwie ein bisschen mehr Aufwand seitens der Verantwortlichen.

 

Freiwilligenarbeit  – Was hilft wirklich?

Kommen wir nun zu den Projekten und der „freiwilligen Arbeit“ selbst, die schließlich einen Großteil meines Aufenthalts ausmachen sollte. Da ich zu Beginn meiner Reise in einer Gastfamilie gewohnt habe und ab der Hälfte in ein Studenthouse gezogen bin, habe ich auch in zwei verschiedenen Projekten gearbeitet, in denen ich so zwei unterschiedliche Erfahrungen sammeln konnte.

In meiner Gastfamilienzeit hab ich in einer Grundschule im Township gearbeitet. Mit einigen anderen Volunteers verbrachten wir so zumindest die Wochentage meisten in unserem Projekt. Geworben hat die Organisation damit, dass wir uns selbst in den Unterricht integrieren könnten sowie selbst unterrichten dürften. Das klang nach einer ziemlich spannenden Interaktion mit den Einheimischen. Irgendwie ploppt da ja schon die Hoffnung auf, dass man mit frischem Input und vielen spannenden Geschichten im Gepäck den Horizont der Kinder ein bisschen erweitern kann. Tatsächlich aber benötigen die Kinder vorrangig  weder uns noch irgendwelchen Input. Was dort zählte war vor allem eines: Geld. Viele Kinder sind zu arm um den für uns Europäer lächerlich geringen Schulbeitrag zu bezahlen oder können sich die Fahrt mit dem Schulbus nicht mehr leisten. Es fehlt Geld für nahrhaftes Essen oder die vorgeschriebene Schuluniform. Ich merkte schnell: Am meisten half ich mit meinem Geld.

Neben dem Geld, waren es besonders die Lehrer, die wirklich etwas mit unserer Hilfe anfangen konnten. Bei den Korrekturen der Arbeiten, der Durchführung des Sportunterrichts und dem Drucken von Lernmaterialen konnten wir den meist heillos überforderten Leuten unter die Arme greifen. Das klingt und war tatsächlich unspektakulär, leistete aber einen sinnvollen, sozialen Beitrag.

Natürlich hatte ich auch mit den Kindern viel Spaß. Einige sind mir wirklich ans Herz gewachsen, verhielten sich aber dennoch von Anfang an merkwürdig verklärt. Es ist wohl etwas dran, an der Annahme, dass es eine unheimliche Belastung für die Kids ist, sich jeden Monat an ein neues Gesicht zu gewöhnen, nur um es dann wieder gehen zu lassen. Das ist schon ziemlich ernüchternd und zeigt, dass das Konzept von „Freiwilligenarbeit – so lang wie du Bock hast“ zwar seitens der Anbieter einwandfrei funktionieren mag, in den Projekten aber  oft auch Unmut und das ein oder andere kleine gebrochene Herzchen hinterlässt.

Während meiner Zeit im Studenthouse hab ich dann im Kindergarten gearbeitet. Die Arbeitszeiten fielen hier deutlich kürzer aus und meine Hilfe schien um einiges weniger gefordert. Dennoch verbrachte ich viel Zeit mit den Kleinen, übernahm Pausenaufsichten, ging mit den Babys auf Klo, fütterte sie oder las ihnen Geschichten vor. Da waren einige herzerwärmende Momente dabei; im Grunde nahm ich aber bloß den fest angestellten Kindergärtnerinnen ihre Arbeit ab, die sie locker hätten selbst verrichten können. Ab und zu half ich auch in der Küche beim Abwaschen-und Trocknen beim Geschirr, kam mir aber einige Male dezent ausgenutzt vor, da die Küchenhilfen während meiner Arbeitszeit oft plötzlich Kaffeepause zu haben schienen…

Die sozialen Projekte entwickelten sich so für mich zwar zu einem prägenden, aber keinesfalls überwiegenden Teil meiner Auslandserfahrungen, die von den vielen anderen Abenteuern und verrückten Erlebnissen oft überschattet wurden.

Dennoch bereue ich absolut nicht mich für diese Form des Auslandaufenthaltes entschieden zu haben. Ich hatte die absolut wunderschönste Zeit in Südafrika und schlussendlich glaube ich, dass ich mit keiner anderen Wahl glücklicher gewesen wäre.

Wessen Fokus hauptsächlich auf der Entwicklungshilfe und dem Sozialem liegt, sollte definitiv den Weg des Freiwilligen Sozialen Jahres wählen.

Ansonsten kann ich euch noch Folgendes ans Herz legen: Plant euren Aufenthalt nicht zu kurz, sucht euch die richtige Organisation und vor allem das richtige Projekt. Ihr werdet sehr schnell selbst merken, wie sinnvoll eure Tätigkeit ist und wie ihr den optimalen Beitrag leisten könnt, um auch durch den Freiwilligendienst ein ganz kleines bisschen die Welt zu verbessern!IMG_1227.JPG

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